Von Maulwurffängern, Piraten und anderen Kunden

on Juni 16 | in 3 tagwerktipps, 6 Gastbeiträge, 9 Beiträge, Ideen, Träumereien | by | with 1 Comment

Maulwurffänger

Unehrlicher Beruf: Maulwurffänger

Ja, ja, der Kunde. Noch so eine Unvermeidlichkeit des Freelancers-Lebens und Quell steter Freude und Inspiration. (Was sich auch in gefühlten tausend Webseiten mit den angeblich lustigsten Kundensprüchen niederschlägt.)

Etymologisch ist der Kunde mit der Kunde verwandt, also dem Wissen über etwas, auch als Nachricht („Hey, heute frohe Kunde vom Kunden: die Deadline wurde um eine Woche verschoben!“), was eine interessante Bedeutungsverschiebung ist, denn der Kunde, der dem Freelancer als Auftraggeber dient (eine nette Inversion der wahren Verhältnisse), kommt zu diesem, weil er eben nichts weiß oder nichts kann, vor allem das nicht, was er in Auftrag gibt. Könnte er es selber, könnte er es ja auch selber machen (oder es handelt sich, pfui, um Outsourcing). Der Kunde ist also nicht kundig, und das ist vor allem der Hauptquell der Freude. Denn etwas nicht zu wissen bedeutet ja – wie wir alle wissen – mitnichten, dass man nicht trotzdem alles besser zu wissen glaubt. Und schließlich zahlt er ja für seinen Auftrag, was ihm allerlei Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte des Freelancers zu erlauben scheint. Da fragt sich doch, wie konnte dieser Bedeutungswandel zustande kommen?

Die allwissende Tante Wikipedia springt in die Bresche: Danach hängt das Wort „Kunde“ mit „kennen“ zusammen, ein mittelhochdeutscher „Kunde“ ist jemand, der entweder was oder jemanden kennt oder den man kennt. Aha! Und dann sagt Wikipedia, dass im Rotwelschen (eine heute leider nur noch selten verwendete Sprache), ein „Kunde“ alle Angehörigen der Unehrlichen Berufe bezeichnete, was absolut Sinn macht, wenn man bedenkt, dass das Rotwelsche von allen von Angehörigen dieser Unehrlichen Berufe gesprochen wurde. Also waren die „Kunden“ einfach alle die guten alten Bekannten, die man so auf der Straße traf, wenn man so seinem Hausierer-, Scherenschleifer- oder Maulwurffänger-Gewerbe nachging. Der nächste Schritt in der Etymologie ist dann etwas merkwürdig: Denn „Kunde“ wird zur Bezeichnung für Wirtshausgäste, dabei durften die Angehörigen der Unehrliche Berufe in der Regel die Wirtshäuser gar nicht besuchen! Also vielleicht kommt das Kundige daran von den ganzen Gerüchten (den frohen Kunden sozusagen) die über Bierhumpen in dickem Tabaksqualm ausgetauscht wurden.

Und vom Wirtshaus ist es dann nicht mehr weit zu den Kunden anderer Geschäfte, denn auch bei Metzger und Bäcker kann man ordentlich tratschen und sich so kundig machen („What‘s up, bro?“). Das regelmäßige Aufsuchen immer wieder derselben Geschäfte zum Erwerb immer wieder derselben Produkte unter Austausch immer neuer Kunden (hahaha), hat dann auch im Englischen den Ausdruck „Customer“ zur Folge gehabt, das sich von der puren Gewohnheit („custom“) ableitet. Der Klient hingegen, der Kunde der Anwälte und Sozialarbeiter, ist von Lateinisch „cliens“ abgeleitet, was „hörig“ oder „schutzbefohlen“ bedeutet, ganz andere Schiene. Benutzen wir anderen Freelancer dann auch nicht. Aber bleiben wir bei den Unehrlichen Berufen, die es heute so nicht mehr gibt, auch wenn der Harz IV-Empfänger deren Rolle vielleicht ein wenig geerbt hat. „Unehrlich“ hat hier nichts oder zumindest nicht direkt mit Lug & Betrug zu tun, sondern bezieht sich auf Ehrlosigkeit. Schwierig zu verstehen heutzutage, denn Ehre ist kein wirklich hippes Konzept mehr. Aber interessant, wer sich dahinter verbirgt: Neben dem schon erwähnten Vaganten, darunter viele Roma & Sinti, Juden und Immigranten, auch die ehrlosen Handwerker wie Schäfer, Müller und Frisöre, und schließlich noch die Abdecker und Scharfrichter. Dass sich Scharfrichter und Folterknechte neben ihrer zugegeben eher unappetitlichen Haupttätigkeit, die ihnen aber profunde anatomische Kenntnisse verschafft, auch als Freelancer-Ärzte betätigt haben, ist auch eine eher wenig bekannte Tatsache.

Apropos Abdecker: Der berühmte hessische Räuber Schinderhannes war  ursprünglich auch einer von ihnen.Der Schinderhannes Was das mit Kunden zu tun hat?  Nun, alle Menschen sind und haben Kunden überall (und wir Freelancer  vor allem), das ist das große  Netzwerk des Warentausches, dem sich keiner entziehen kann. Auch der Lohnarbeiter verkauft seine Arbeitskraft an einen „Kunden“, seinen Arbeitgeber (auch wenn er diesem hörig ist, hey, wo  ist da eigentlich der  Unterschied?) und auch der Unternehmer muss seine Produkte an eine Kundschaft bringen. Selbst der Bettelmönch tauscht noch Gottes Segen gegen Almosen.

Es gibt nur einen einzigen Berufstand, die wirklich keine Kunden hat: Räuber, Diebe und Piraten! Letztere werden nicht umsonst auch Freibeuter genannt. Nur diese verruchten Subjekte sind in der Lage sich dem Diktat eines unkundigen Kunden zu entziehen, denn sie entziehen ihren Mitmenschen Werte direkt und ohne Gegenleistung. In diesem Sinne sind sie die einzig wirklich freien Berufe! Auch wenn sie dann ironischerweise zur sogenannten Kundschaft von Polizei, Justizvollzug und Sozialarbeit werden.
Und das ganz ohne Kündigungsrecht.

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One Response to Von Maulwurffängern, Piraten und anderen Kunden

  1. […] zu tun, es sei denn er arbeitet dummerweise für sie: Die Werbung. Denn das Tolle ist ja, dass Kunden vom Himmel fallen, einem die Türe einrennen und die Mailbox derart mit Anfragen verstopfen, dass […]

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